/Tag 4 – Aus kurz mach lang.

Tag 4 – Aus kurz mach lang.

Lichtstrahlen dringen durch den grünen Zeltstoff zu mir herein. Schon ist der neue Tag angebrochen, doch meine Gedanken hängen noch im Gestern. Zu beeindruckend war das Naturschauspiel. Wie häufig sieht man schon Polarlichter? Zu euphemistisch sollte man das heutige Wetter nicht betrachten. Graue Wattebauschen versperren die Sicht in die Ferne, ab und zu verirren sich einzelne Regentropfen in Richtung unserem kleinen Zeltlager.

Die erste Etappe des Tages führt uns über einen steilen Anstieg hinauf auf eine Art Hochplateau. Leicht begehbar bis hierhin. Fels und Moosflächen wechseln sich ab. Nach wenigen hundert Metern hat man einen hervorragenden Blick auf den Berg Tellingen, der mit seiner markanten Form deutlich aus der Umgebung heraussticht. Einzig der Weg ist ab diesem Zeitpunkt nun, sagen wir, fakultativ beschildert. Es bedarf eines gewissen Instinktes, die wilde Landschaft und die teils wenig korrekte Karte miteinander in Einklang zu bringen. Umso größer ist dann das Erfolgserlebnis, wenn einer von uns Dreien eine rot leuchtende Markierung an einer Birke oder einem Fels erspäht.

Faszinierend ist nicht nur der Blick nach vorne. Auch unter den Füßen spielt sich allerhand ab. Eindrücklich windet sich der felsige Untergrund; ganz so, wie er vor Ewigkeiten aufgeschichtet und gepresst wurde. Wir fühlen uns, als würde die von der Witterung weggespülte Oberfläche der Schlüssel zu einem Stück Zeitgeschichte sein.

Als sei dies ein Stichwort, entfaltet die Natur urplötzlich ihre ganze Kraft. Dicke Regentropfen peitschen uns ins Gesicht und der Wind setzt so stark ein, dass wir uns beim Gehen ganz locker „anlehnen“ können. Also weiter. Immer weiter.

 

Wir erreichen ein für die hier geltenden Maßstäbe dicht bewaldetes Tal (Applaus an dieser Stelle für die Kiefern und Birken im Miniformat), wo wir beschließen, eine Mittagsrast einzulegen. Lasse mich auf den von Moos und Pilzen überzogenen weichen Erdboden fallen, genieße den Geruch von feuchter Erde. Auf einmal raschelt es im Gebüsch. Wie in einem schlechten Film kommen zwei Wanderer aus dem Unterholz. Sie sind mindestens genauso überrascht von der Tatsache, an diesem wahrlich wenig frequentierten Ort Menschen zu treffen. Kurze Konversation auf Englisch. Einen sächsischen Dialekt hört man allerdings überall auf der Welt raus. Also auch Deutsche. Egal, wie weit man fährt… Tauschen uns angeregt über die jeweils bevorstehende Etappe aus. Und genauso filmreif, wie die beiden aufgetaucht sind, verschwinden sie wieder im Unterholz und ihre Schritte sind nach wenigen Metern vom Moos soweit gedämpft, dass nur noch das Rascheln der Blätter und das Rauschen eines weit entfernten Baches in unsere Ohren dringt.

Wir beginnen das Tal zu queren und stehen nach nur 1h schon vor einer Entscheidung. Hier bleiben oder doch schon den vorausliegenden Bergkamm zu nehmen. Nach kurzem Abwägen beschließen wir weiter zu marschieren. Gut. Also kein entspannter Tag. Dafür mehr Natur. Entschädigt.

Beim Durchqueren des Tals passieren wir unzählige, dunkelbraune Moore. Gerüche, die in der städtischen Gesellschaft weitestgehend verbannt sind, haben hier freien Raum sich zu entfalten. Und doch wäre es unfair, diese unwirtlich anmutende Landschaft, in der jeder einzelne Schritt dadurch erschwert wird, dass man gut 10 Zentimeter (manchmal auch gerne tiefer) einsinkt, abzuurteilen. Denn nur wer genau hinschaut, entdeckt inmitten der verrottenden Birken einzelne, hell leuchtende Blumen, deren Existenz so zerbrechlich wirkt.

Kurz in Gedanken versunken. Und schon kommt er, der falsche Schritt. Der scheinbar feste Grund gibt nach und ich sinke bis zum Knie ein. Eine übel riechende Flüssigkeit steht mir bis zum Knie. Lachend ziehe ich mein Bein wieder heraus. Es sollte nicht das letzte Mal an diesem Tag gewesen sein. Unser Tempo verlangsamt sich durch das Terrain extrem. Versuchen uns im Aufstellen von Trekking-Weisheiten. Hoch im Kurs: Geht es eine Anhöhe 10m hinauf, gehst du mindestens 5m wieder hinunter, nur um die fehlenden Höhenmeter nochmal erklimmen zu können. Es geht doch nichts über eine gute Aussicht ;)

 

Auf der anderen Seite der Sumpflandschaft wartet ein steiler Anstieg darauf erklommen zu werden. Steil bedeutet in diesem Fall, dass der Hang einen so großen Neigunswinkel besitzt, dass man sich einfach nur nach „oben kippen“ lassen muss und dann unterbewusst das ganze Gewicht nach oben stemmt. 100x kippen. 200x kippen. Gerate innerlich in Rage. Wann hat dieser Berg ein Ende. Natürlich fängt es in diesem Moment an zu regnen. Schweiss und Regentropfen rinnen mir über das Gesicht. Ob meine Arme nass vom Regen oder der Anstrengung sind, vermag ich nicht zu sagen.

Endlich oben angekommen, genießen wir einige Minuten auf einer natürlichen Aussichtsplattform. Überblicken den Weg, der uns hinauf geführt hat. Von hier oben sieht alles so klein, so gar nicht schlimm aus. Bevor wir auskühlen, es regnet einfach ununterbrochen, beschließen wir weiterzuziehen.

Vor uns liegt ein erneuter Abstieg durch sumpfigen Morast, der schnell durch feuchte Graslandschaften abgelöst wird. Plötzlich sieht alles aus, wie bei Alice im Wunderland. Inmitten eines verwunschenen Waldes sind wir urplötzlich umgeben von mannshohen Farnen, frühstückstellergroßen Pilzen, mal in grellem rot, mal zurückhaltend braun. Moosteppiche bedecken den Boden und geben einem das Gefühl, über einen matratzenweichen Untergrund zu laufen.

Als wäre das nicht schon surreal genug. Unerwartet steht eine kreisrunde Hütte vor uns. Auf den ersten Blick war sie mir gar nicht aufgefallen, hatten ihre Erbauer sie so ausgeklügelt mit den Moosteppichen bekleidet, dass sie sich nahtlos in die Umgebung einpasst. Wir nähern uns vorsichtig. Es gibt genügend Horrorfilme, die genauso beginnen. Es ist so, als hätte uns jemand wie Spielfiguren unerwartet in dieses Setting geworfen. Doch niemand ist da.

Weder in der Hütte.

Noch in der Umgebung.

Es ist menschenleer (der geneigte Filmfan würde nun einwenden, dass Menschen in diesem Setting eigentlich weniger Probleme machen :D). Wir vertreiben etwaige Gruselgedanken und versuchen ein Feuer innerhalb der in der Hütte vorgesehenen Feuerstelle zu entzünden. Mit mäßigem Erfolg. Bevor wir uns eine Rauchvergiftung zuziehen, steigen wir dann doch lieber auf unseren Gaskocher um. Unser Nachtlager schlagen wir mit einigem Sicherheitsabstand zu Hütte auf, nur für den Fall. Zu unserem Feuer kommen wir dann doch noch. Eine Feuerstelle wenige Meter abseits lädt dazu ein, unseren Müll nicht CO2-Neutral zu entsorgen. Schade, dass es nirgendwo offizielle Müllverbrennungsanlagen gibt. Aber so geht es dann eben auch.

Nach Birkenrindenruß riechend, fallen wir in einen tiefen Schlaf. Die Hütte ist vergessen.