/Tag 3 – Im Fjäll. Keine Steine.

Tag 3 – Im Fjäll. Keine Steine.

Gestrige Strapazen sollen der Vergangenheit angehören. Füße kann ich noch spüren, als sie unten den Schlafsack berühren. Ein kalter Zug weht um meine Nasenspitze durch den offenen Schlitz des Zeltverschlusses. Energie. Langsam werden alle von uns wach. Als zweites drängt sich ein allzu bekanntes Geräusch in mein Bewusstsein. Regen prasselt. Mal leise. Mal laut. Könnte es anders sein? M schält sich neben mir aus dem Schlafsack. Auf geht’s!

Als es gerade nicht zu regnen scheint folgt ein sporadisches Zusammenpacken. Falsch gedacht. Frühstücken findet wieder im Zelt statt. Entschädigend wirkt dagegen die einmalige Freilufttoilette mit Blick auf einen unberührten See. Schneebedeckte Berggipfel ragen in der Ferne empor. Von Osten dringt das Rauschen eines Wasserfalls zu uns herauf.

Queren nach wenigen Kilometer eine trotz des zu überwindenden Abgrunds einladend wirkende Ganzjahresbrücke. Glänzend liegen die frischen Holzbohlen auf querverstrebten Stahlseilen. Unter uns tobt beim queren der Fluss. Jahrtausende muss er sich durch das Felsmassiv seinen Weg gebahnt haben und doch spritzt seine Gischt noch immer meterweit in die Höhe. Schroffe Felswände flankieren nun seine beiden Seiten. Kein Ausrutschen. Dafür Fotosession.

Wetter ist heute unentschlossen. Auf fünfminütige Sonnenepisoden folgen umso längere Regenschauer. Getragen von einem unermüdlichen, nasskalten Wind. Windböen greifen unter die Kapuze und lassen Regentropfen wie Nadelstiche in unsere Gesichter piksen. Wagen in schnellen Schritten den Aufstieg. Unser Blick fällt nun auf eine andere Bergkette in der Ferne, anhand derer wir uns orientieren können. Eine Rentierherde ergreift die Flucht, als sie uns voller Elan in ihre Richtung wandern sieht. Wir sollten uns nächstes Mal zum Saisonende als Rentiereintreiber bewerben. Vergütetes Wandern. Das wäre doch mal etwas ;)

Blick zurück.

Nach einer Abbiegung erstreckt sich plötzlich türkisblauer See vor uns. Dekorativ wird er von Schneefeldern umsäumt. Genießen gebannt für mehrere Minuten den Anblick. Natürlich darf dabei das obligatorische Blaubeerenmahl nicht fehlen! Der nun folgende Weg ist nun durchwegs als matschig zu bezeichnen. Queren immer wieder kleine, den Steilhang hinanbschießende kleine Bäche. Jeder Tritt, ein wackliger Stein. Matschloch. Gut, dass jeder Schlamm irgendwann mal trocknet und dann unter Freisetzung eines wohlriechenden Geruchs abbröckelt.

 

Kommen heute extrem gut voran. Die gestrige Erschöpfung ist neuer Motivation gewichen. Wir passieren zwei Hütten. Perfekt eingerichtet. Es mangelt für die kargen Verhältnisse an nichts. Unglaublicherweise gibt es sogar einen USB Typ A Anschluss zum wiederaufladen von Handy und Kamera, den wir Dank unserer portablen Akkus allerdings nicht in Anspruch nehmen mussten. Genießen stattdessen ein zweites Frühstück während wir das Hüttenbuch durchblättern. Es wirkt wie ein Anachronismus und doch sind seine Seiten mit den Einträgen vergangener Besucher/Bewohner dieser Hütte wie ein zeitliches Kontinuum inmitten dieses Nichts. Ein bisschen Technik gibts dann doch: Selbst bezahlen läuft hier mit Visakarte.

Heimat.
Da draussen.

Provisorisch ist schon stabil genug.
Ewigkeit.

Die zweite Hütte könnte gegensätzlicher nicht sein, doch entbehrt sie nicht einem gewissen Charme. Ihr Fundament ist auf einer terrassenartigen Anhöhe mit Blick auf eben jenen türkisblauen See gelegen. Sobald man die Eingangstür durchschritten hat, werden die Unterschiede deutlich: Ein offener Kamin befindet sich direkt gegenüberliegend, eine karge Holzausstattung umfasst einen Tisch, zwei Bänke und etwas, das ein provisorisches Nachtlager in eiskalten ermöglicht. Licht fällt durch ein 1x1m großes, einfach verglastes Fenster herein und ermöglicht schemenhaftes Sehen. Für ein paar Sekunden fühlt man sich wie ein Trapper in di Caprios Film.

Dann empfangen uns draussen wieder kräftige Sonnestrahlen, lassen die Umgebung funkeln. Eine Hummel fliegt vorbei.

Szene.
Perspektive.

Wenige Kilometer später finden wir unseren Zeltplatz. Das Wort „Perfektion“ scheint in einem materialistischen Kontext der Szenerie kaum angemessen. Wir schlagen auf einer Wiese hinter dem Kiesstrand unser Lager auf. Beidseits Gebirgsketten, vor und hinter uns Wasser. Über uns der strahlend blaue Himmel. Und wir fragen uns, ob es einen jemals atemberaubenderen Eindrück von der Natur geben könnte. Das Wasser des Sees ist so klar, dass man die perfekt-runden Kieselsteine des Strands noch dutzende Meter hinaus und hinab in die Tiefe verfolgen kann.

Stay for the night. Okay not for us :D
Geschliffen.

Was folgt, ist klar. Reissen uns sämtliche Klamotten vom Körper. Die Außentemperatur weicht kaum von der Wassertemperatur ab. Da fällt die Überwindung auch nur noch halb so schwer. Schuhe aus. Socken aus. Gott, ist das kalt. Vergesse die Wunden an den Füßen, bis ich einen Schritt auf den Kieseln gegangen bin. Schmerzen durchzucken meinen Fuß. Egal, jetzt gilts. Mit drei Schritten ist der Strand überquert, also ab ins Wasser. Der Moment währt nur wenige Sekunden. Fühle, wie ich mich wenige Sekunden später in das Handtuch hülle und versuche, das Gefühl in den Gliedmaßen wieder zurückzuholen.

Auftauen.

Genießen am Strand die letzten Sonnenstrahlen des Abends. Kurzer Moment der völligen Stille. Bis der Kies wieder unter unseren Füßen knirscht. Das Abendessen kommt uns heute vor, wie ein Festmahl. Dazu Schwarztee mit Whiskey. Könnte perfekter kaum kommen. Plötzlich hören wir in der Ferne den ersten Menschen seit Tagen. In einigen Kilometern Entfernung können wir das Leuchten einer Lampe auf einem Boot in der ansonsten Pechschwarzen Nacht ausmachen. Es dreht ab. Genug Platz für alle. Kurze Zeit später ist es wieder vollkommen still.

Tauchgang.

Nachtrag: An diesem Abend war an Schlafen noch lange nicht zu denken. Kontinuierlich bließ ein kalter Wind über den See. Vier Lagen Kleidung halten das gröbste draussen. Doch es hat sich gelohnt. Polarlichter wabern über unsere staunenden Köpfe hinweg. Zeitweise leuchtet der gesamte Himmel. Wahnsinn. 1.5h später. Reflektorisches Zittern täuscht nicht über die Minusgrade hinweg. Zeit, um Kraft für den nächsten Tag zu tanken.

Finanziert. Nicht.