/Tag 2 – oder „real whiskey on the rocks“

Tag 2 – oder „real whiskey on the rocks“

… oder wie man hart an seine Grenzen kommt

 

Heute steht großes bevor.

Das Steindalen. Überschwängliche Schwärmerei in Blogs und Foren. Gerüchte und Geschichten ranken sich um dieses Tal. Und dennoch gibt es kaum richtige Informationen über die Route, die wir uns vorgenommen haben. Höhenprofil sieht durchschnittlich schwer aus. Kann also nur gut werden. Hoffe ich.

gopr0372

Zeltabbau klappt im Halbtrockenen. Zum Frühstück suchen wir provisorisch Schutz hinter einem Felsen, als uns Winde von Westen kommend überraschen. Zusammengekauert zu dritt um die Wärme des Gaskochers. Über uns hinweg fegt die Naturgewalt. EDEKA. Schoko-Müsli schmeckt trotzdem bravourös. Die Regenintensität schwillt an. Los geht’s.

bildschirmfoto-2016-10-26-um-20-36-17

Zwischen zwei Bergmassiven (ca 1500m) führt uns der Pfad immer weitere im Tal hinauf. Regen peitscht ins Gesicht. Bei jeder Änderung der Windrichtung prickelt es, als die Rezeptoren bereits sind neu zu feuern. Tut gut.

gopr0376

Unsere Laufgeschwindigkeit bringt uns enorm schnell voran. Weg existiert nur sporadisch. Untergrund ist weich. Wir queren einen Zufluss des reissenden Stromes, der uns seit heute morgen begleitet.

gopr0380

Hätte ich nun vorher gewusst, welche Zäsur diese Überquerung mit sich ziehen würde. Ich hätte die restliche Tagesetappe wohl nicht geschafft. Doch: Eines. Nach. Dem. Anderen.

gopr0383a

Vor uns liegt nun erneut ein Tal, welches beidseits von zwei gigantischen Bergmassiven eingerahmt wird. Oben auf liegen Eisfelder wie Hauben. Unser weg ist über dutzende Kilometer weit einsehbar.

g0050388

Sieht von weitem machbar aus. Wir kommen näher. Weg entpuppt sich als Tanzeinlage über Geröllfelder. Steine. A4 bis hin zur Größe eines Fahrrades. Wahllos ausgekippt. Kippelig. Immer auf der Suche nach der spärlich verteilten roten Markierung.

gopr0390

So geht es nun 17km. Zunächst schnell. Dann immer langsamer. Jeder Schritt muss sitzen, sonst rutscht man schnell ab. Zwischen den Felsbrocken tun sich kleine Spalten auf.

gopr0398

Rutsche dann doch ab. Fange es mit den Stöcken ab. Knicke ein paarmal um. Kein Ende in Sicht. Während dessen peitscht der eiskalte Wind uns frontal ins Gesicht. Fluche leise. Egal. Einfach weiter.

gopr0400

Wir erreichen oben einen kleinen kristallblauen See, der von kleinen Eisfelder gesäumt ist. Eine Tatonka-Tasse voll Gletschereis + Whiskey für uns drei. Brennt kurz im Mund. Dafür brennen die Fusssohlen einen Moment nicht. Stützmotorik klappt immer noch, also weiter.

gopr0411

Die Geröllfelder scheinen kein Ende zu nehmen. Manche Steine scheinen so hoch aufgeschichtet zu sein, dass zwischen ihnen in gut einem Meter Tiefe ein Flussbett sich ausgebreitet hat. Hier oben sind die einzigen Pflanzen Moos und verrottetes Moos. Weit und breit. Inspirierend, nicht wahr? Aber so einfach kann es laufen.

bildschirmfoto-2016-10-26-um-21-12-20

Erblicken plötzlich den Sore Bjollavatnet. Abstieg. Nicht nur der Weg, sondern auch die Kraft. Achte nur noch darauf, mit dem Rucksack nicht zu stürzen.

gopr0424

Ein Zeltplatz voraus. Lasse meinen Rucksack einfach fallen und sinke erschöpft ins Gras. Keinen Schritt weiter. Zelt mit letzten Kräften aufbauen. Pünktlich bricht ein Schauer über uns herein. 20km. Geröll, Fels, Eis, Regen, Sonne, Sturm. Gönnen uns ein ausgiebiges Abendessen. Tut gut.

gopr0433

Schreiben im Zelt ist zum bisherigen Tag sehr gemütlich.

gopr0438

Unser Kühlschrankthermometer zeigt für draussen knackige 4°C, drinnen gerade zu sommerliche 18°C.

gopr0447

Ein Hoch auf das Doppelzelt. Im Hintergrund rauscht ein Wasserfall, den wir morgen laut Karte überqueren werden.

gopr0453

Gigantisch.