/Ambulante Fernwehbehandlung [Gastbeitrag]

Ambulante Fernwehbehandlung [Gastbeitrag]

Was Vorfreude ist

Der Rucksack wird aufgeschüttelt. Der Schlafsack kommt nach ganz unten, dann die Ersatzwäsche, der Proviant und noch die schnell zu greifende Regenkleidung. Kleinteile in die linke, die Flasche in die rechte Seitentasche. Fertig ist das Wochenende, komprimiert in 40 Liter. Rucksack packen – die Prämedikation für Fernwehgeplagte.

Die Stunde Fahrt in die Alpen verfliegt spätestens dann, wenn sich die ersten steinernen Riesen am Ende der geschwungenen Straße aus dem Dunst des Morgens erheben. Majestätisch und ewig. Ich bin immer noch so fasziniert, dass ich mich zu dieser laienhaften Wortspielerei hinreißen lasse.

Aufstieg

Die Einwohner im österreichischen Vils nehmen kaum Notiz, nur ein kleiner Junge auf einem Trettraktor beobachtet, wie die zwei Wochenendler ihre Rucksäcke vom Kofferraum auf die Straße ausladen und sorgfältig die Schuhe schnüren. Er schaut ihnen auch noch hinterher, als sie den Ort Richtung „schräg oben“ verlassen. An der Konradshütte, eine im Sommer verschlossene Hütte an einem kleinen Skilift, beginnt dann der Anstieg, der dank 17°C noch angenehm verläuft. Nach 2,5 Stunden sind schon 1000 Höhenmeter bezwungen.

DSCN1058
Hundsarschjoch

Wir stehen am Hundsarschjoch. Die Sonne scheint, ein paar Schafe auf der von Bergwänden und Wald umgebenen Alm mit Blick ins Tal sorgen mit Glöckchen am Hals für eine Stimmung, die fast schon kitschig, wohl aber dennoch natürlich ist. Trotz guten Zuredens zweier Tagestouristinnen begeben wir uns nicht auf den Gipfel des Vilser Kegels. Der Abstieg zur Vilser Alm ist nicht weniger kräftezerrend, denn der ausgespülte Weg mit vielen Steinen ist mit Vorsicht zu genießen. Im Tal angekommen werden endlich zum ersten Mal die Rucksäcke abgenommen und wir genießen die Berge um uns bei Wurst und Brot.

Gondel-Wanderer

Den erneuten Aufstieg im Nadelwald begleitet ein klarer, reißender Bachlauf. Die Bäume werden weniger und kleiner und unterhalb der Vilser Scharte, als der Weg auch noch verschwindet, kommt das Trekkinggefühl der vergangenen Lappland-Reisen wieder. Nach kurzem Begutachten des Wegs zu den Leitern, entscheiden wir uns für den Weg über das Füssener Jöchl. Auch, weil der Hüttenwirt im Telefonat am Vortag, die Scharte sei wegen Schnees noch nicht passierbar. Tatsächlich laufen wir auch durch vereinzelte Schneefelder auf dem Pfad zur Sonnenalm außenrum. Dort legen wir Pause ein und machen uns über „Wanderer“ lustig, die mit der Gondel auf 1800 Meter fahren und geradezu danach schreien, dass sie aus der Stadt kommen. Von der Bergstation wandern sie dann nach hundert Fotos von sich und der Aussicht, teuer ausgerüstet mit bunten Jacken und mit den leidenschaftlich geschwungenen „Walkingstöcken“ los. Wir sitzen durchgeschwitzt mit vermutlich fassungslosen Gesichtern auf der Bank im einsetzenden Regen und schauen den Münchnern, so unsere Vermutung, noch hinterher.

Die Vilser Scharte rechts am Berg
Die Vilser Scharte rechts am Berg

Bis wir ihnen dann folgen, vergeht noch eine halbe Stunde. Auf dem Füssener Jöchl erreichen wir mit fast 2000 Meter unseren höchsten Punkt des Tages. Danach geht es bei besserem Wetter und Blick auf die Rote Flüh dann strikt bergab.

DSCN1082

Was Urlaub bedeutet

An der Otto-Mayr-Hütte ist die Hölle los, die ansprechende Webseite hatte bereits auf die Familienfreundlichkeit hingewiesen: Gefühlt ist nämlich ein ganzer Kindergarten da, vermutlich auch wegen des einfachen Zustiegs von Musau aus. Auf der Hütte gibt eine warme Dusche, ein Mehr-Gänge-Menü und sogar W-LAN, wenn auch nur fürs Personal. Das „Einsame-Hütte-in-den-Bergen-Gefühl“ kam dadurch natürlich nicht, dennoch ist die Hütte sehr schön. Wir zogen uns zwei Matratzen ins Notlager, wo wir alleine schlafen durften. Das Notlager, ein kleiner Gastraum außerhalb der eigentlichen Hütte eine Etage unter dem Matratzenlager, blieb alleine uns überlassen und war ungeheizt, weswegen wir noch einige Decken benötigten. Eingemummelt in den Schlafsack unter einfachen Außenbedingungen einzuschlafen, mit diesem unbeschreiblichen Gefühl der frisch von den Wanderstiefeln befreiten Füßen: Das ist Urlaub! Meine Kommilitonen und Mitbewohner verstehen mich nicht ;-).

An der Otto-Mayr-Hütte. Hier die kleine Außenhütte mit dem Notlager im Erdgeschoss
An der Otto-Mayr-Hütte. Hier die kleine Außenhütte mit dem Notlager im Erdgeschoss

Am letzten Tag

Der nächste und auch letzte Tag ist schnell erzählt: Als Frühaufsteher genoss ich den Sonnenaufgang, erwägte noch die (familienfreundliche) Besteigung der großen Schlicke. Wir entschieden uns dann später aber, direkt abzusteigen. Das taten wir dann auch in gemütlicher Geschwindigkeit. Erwähnenswert war lediglich noch die Aussicht an der Achsel, wo zwei Bänke und ein Kreuz an einem Felsvorsprung angelegt sind und das scheinbare Schießbudenlager: In einem halbseitig eingezäunten Waldgebiet standen auf der einen Seite des Weges etwa 15 Wildfutterplätze und auf der anderen Seite zwei Hochsitze. Eine Möglichkeit, sein Maschinengewehr zu installieren, hätte mich nicht verwundert.

DSCN1087

Auf der Heimreise hielten wir noch für ein Foto von Schloss Neuschwanstein, ehe wir am frühen Nachmittag wieder zu Hause waren. Das dringende Bedürfnis zu duschen hatte ich nicht. Bei der nächsten Tour ist das unbedingt ein Faktor, der zu beachten ist: Mehr Dreck und weniger Familienfreundlichkeit!

Teilnehmer der Lappland-Reise