/Lappland 2013 – 6

Lappland 2013 – 6

Durchwachsenes Wetter. Stelle fest, dass Köllnflockenmüsli nach Hinzugabe von heißem Wasser seinen Geschmack und Konsistenz zur Ungenießbarkeit verändert. Frühstück fällt wenig umfangreich aus. Zwei weitere Tüten von der gleichen Müslisorte warten in meinem Rucksack. Sonne durchbricht die Watteschicht. Zelte abbrechen. Wanderer jenseits der Brücke stapfen gestärkt dem dunklen Horizont entgegen. Ich blinzele geblendet dem Sonnenlicht entgegen. Wir haben ein unwirkliches Glück. Angespornt. Eine Anhöhe ist gemacht. Unsere Schritte werden schneller. Serpentine um Serpentine, langsam den Berg hinauf. Immer weiter. Ein Paar kommt uns entgegen. Hochgereckte Daumen. „The way you’re climbing the mountain looks so amazing“. Keine Ironie. Die benötigt hier draussen niemand. Wir erröten über das Lob. Schon sind sie vorbei, mit der Sonne im Nacken dem Unwetter entgegen.

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Durchqueren von Vegetationszonen. Wenige Höhenmeter trennen fruchtbare Erde und nackten Fels. Leben und Tod wohnen Tür an Tür. Birken. Schnitt. Krüppelgewächse. Schnitt. Moos. Beeren. Schnitt. Erreichen eine weite Hochebene. Erwarten jederzeit Orks und Elben über die Bergkämme strömen. Es bleibt bei der Imagination.

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Unaufhaltsam den Gletschern entgegen. Weit geschwungen. Zum Greifen nah. Schon wieder Seen. Jede Perspektive wäre auf einer Postkarte glaubwürdig. Trinkpausen werden bis zum Maximum ausgedehnt.

Steilhang. 300 Höhenmeter. Ohne einen Meter voranzukommen. Und oben noch eine Hochebene. Schweißtropfen rinnen über mein Gesicht. Eile voran. Ein Hügel vespricht einen guten Überblick. Plötzlich ein Ton. Es klingt wie. Musik. Irritiert drehe ich mich um. Töne verdichten sich zu einer Melodie. „Spiel mir das Lied vom Tod“. Fs iPod hat sich verselbstständigt. Belustigt begutachten andere Wanderer, die hier rasten, das Schauspiel.

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Abstieg. Unsere erste Begegnung mit dem berüchtigten Hochfjäll Geschichte. Als Entschädigung wieder beeindruckende Panoramen. Mittagszeit in einer Senke. Geschützt vor dem heraufziehenden Wind.

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Unbewusst routiniertes Kochen, Wasserfiltern, Spülen. Ein Hubschrauber donnert knapp über uns hinweg und fliegt ein wagemutiges Manöver. Er kämpft gegen den Wind. Unsere Blicke bleiben an dem Bergkamm jenseits des Tals hängen. Wir beobachten. Wir messen die Zeit. Jemand ruft. Noch 1,5 Minuten. Gaskartuschen werden dem Besitzer zugeworfen. Kocher verstaut. Teller von Resten befreit. 1 Minute. Das Hellgrau verdichtet sich zu einem Schwarz. Der Wind frischt auf. Eine wärmende Schicht. Eine Gore-Tex-Schicht. Regenhose. Rucksäcke schließen. 30 Sekunden. Regenhüllen über unsere Rucksäcke. 15 Sekunden. Eine Regenwand rast auf uns zu. 10 Sekunden. 5 bunte Tupfer in der Landschaft. 5. Sekunden. Genieße das Gefühl, trockene Kleidung auf er Haut zu spüren. 0. Starkregen mit unbekannter Intensität. Nur noch das Gesicht streckt sich tollkühn der Naturgewalt entgegen. Es ist Zeit aufzubrechen.

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Stunden später. Es regnet noch immer sintflutartig. Hose ist völlig durch. Mammut-Jacke hat perfekt dicht gehalten. Dafür durchgeschwitzt. Jeder Regentropfen, eine kleine Nadel. Temperatur um gut 10°C gefallen. Versuche mir eine Perspektive für die nächsten Stunden zu suchen. Meine Gedanken wandern zur nächsten Waschmöglichkeit. Kälte. Wie hier draussen im Regen. Verwerfe die Möglichkeit sofort. In weiter Ferne ein Tal, Sonnenstrahlen blitzen uns fordernd entgegen.

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Absinken der Moral mit jedem Meter Nässe und Kälte. Macht auch nicht vor entgegenkommenden Schweden halt. Typ Wikinger. Frierende Wikinger? Skurrile Vorstellung. Hat ja niemand gesagt, dass es eine Schönwettertour werden würde.

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Zelte wieder auf einem Plateau unweit eines Wasserfalls errichtet. Erkenntnis des Tages: Wir haben viel zu viel Gas dabei. Meine erste Kartusche scheint halbvoll, Cs erste ist nicht leerer. Frage mich, was kommen muss, dass wir sieben weitere verbrauchen. Noch waren die Bedingungen allerdings sehr gut. You never know.

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Ausserdem. 200€ für einen Schlafsack sind gut investiert. M und ich schwitzen bei unwirtlichem Wetter. Fast so gut wie eine warme Badewanne.

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