/Lappland 2013 – 4

Lappland 2013 – 4

Ein Reflex bewahrt uns vor dem Tourabbruch. Glitschige Felskanten umrahmen ein riesiges Naturwaschbecken. Tosend. Eine Unachtsamkeit. Gleichgewicht gerät ausser Balance. Diesmal ist alles gut gegangen.

DSCN1756

Gegenüber stehen plötzlich Rentiere im grünen Dickicht. Leise sind sie gekommen, das Moos schluckt das Geräusch ihrer Schritte. Ein Knacken im Unterholz. Rentiere heben alarmiert ihre Köpfe. Der erste Elch. Unvermittelt denke ich an IKEA.

Nur wenige Wanderer überqueren vor uns die nahegelegene Brücke, hinter der die weiten, kahlen Landschaften des Padjelanta Hochlandes liegen. Wir kosten jede Minute des sagenumwobenen Sarek Nationalparks aus, diesseits der Brücke.

Ausgiebiges Frühstück. Betrifft die Länge. Nicht den Umfang. Beginne den isländischen Padkaffee zu lieben. Heißes Wasser mit schwarzen Partikeln. Kaffee. Guter Milchersatz für das Müsli. Gilt nur für Schokomüsli, Beerenmüsli mit Kaffee statt Milch schmeckt durchwachsen.

DSCN1749

Zelte getrocknet. Rucksäcke gepackt. Strahlender Sonnenschein glitzert durch das Blätterdach über uns. Die Wolken der Nacht sind verschwunden. Die Natur hat erbarmen mit uns Anfängern. Genüsslich zelebriere ich das auftragen der Sonnencreme. In Lappland. Hunderte Kilometer nördlich des Polarkreises.

Die ersten Kilometer. Sachter Anstieg. Birkenwälder säumen den Pfad. Das harte Klima hat seine Spuren hinterlassen. Mit jedem Schritt nimmt die Dichte des Waldes ab. Umgeknickte Bäume sind stille Zeugen von stürmischen Zeiten. Unvermittelt stehen wir auf freier Fläche. Einzig Moos und Beerengewächs bedeckt den Boden. Herdenweise Rentiere. Frei.

DSCN1759

Der Blick zurück auf das Akkamassiv. Gewaltig. Irre, wer dort ohne Ausrüstung hochgeht. Rechts von uns ein See in der weiten Talsenke. Türkis. Blau. Durchsichtig. Die wenige Holzhäuser am Uferand wirken wie verstreute Farbtupfer. Im Hintergrund die schneebedeckten Kuppen norwegischer Berge. Es ist unmöglich. Gleichzeitig in jede Richtung zu schauen, um das Wunderwerk aus jeder Richtung zu sehen. 360° Grad konkurrieren um Aufmerksamkeit. Jeder Schritt eine neue Einstellung..

DSCN1768

Stuga. Abseits des Weges Samisiedlungen mit Tipis. Die Zeit steht still.

Überall um uns herum Kaleidoskope aus Bächen und Seen. Moore als Komposition aus braun, schwarz, grün und leuchtendem rot. Lange Zeit laufen wir auf einem Bergkamm. Steil fallen die Hänge Meter um Meter in die Tiefe hinab, um sanft in ein Flussbett überzugehen.

DSCN1776

Pause. Energieriegel. Zerdrückt. Geschmolzen. Pflaster unter den Verband geklebt. Der Verband sorgt für Blasen. Aufplatzen am 4. Tag scheint keine gute Idee. Angelehnt an den Rucksack lasse ich mich zurücksinken. Blüten duften. Hummeln Brummen. Psst. Ellenbogen in meiner Seite. Ich blinzele der Sonne entgegen. F hat die Kamera im Anschlag. Ohne hastige Bewegung stehe ich auf. Ein Rentier. Ein Leittier. Weniger als 10m entfernt. Stolz präsentiert es sein Geweih. Neugierig mustert es uns Eindringlinge. Unvermittelt macht es kehrt, scharrt im trockenen, sandigen Boden. Staub wirbelt auf. Nein, von uns geht keine Gefahr aus.

DSCN1770

Das Navi piepst. Battery Low. 2km vor dem Zeltplatz. Es scheint Gedanken lesen zu können. Vor uns ein Bächlein. Es stürzt aus der Felswand. Plätschert ruhig an uns vorbei. Und vereinigt sich zu einem großen Strom, bevor es in den See mündet. Rein. C, F, M, K und ich legen uns auf den Rand der Böschung. Kopfüber trinken. Das Wasser ist so eiskalt, wie es rein ist.

Noch eine Biegung, dann liegt 100m vor uns unser Zeltplatz auf einer Anhöhe. Umgeben von stehenden Gewässern und einem kleinen Wäldchen. Unsere Zelte errichten wir auf der steinernen Anhöhe inmitten des Deltas. Routine stellt sich ein. Gutes Training für schlechtes Wetter.

DSCN1788

Vorteil stehender Gewässer. Sie sind leicht angewärmt von den mutigen Sonnenstrahlen, die sich hierher verirrt haben. Nachteil stehender Gewässer. Man riecht nach dem Baden nach Moor. Dennoch, definitiv besser als der Eigengeruch der Synthetikfasern. Kleine Vertiefungen im Deltaarm vermitteln das Gefühl einer Badewanne. Doch wer badet nur 20 Sekunden. Und beobachtet wie die Haut feuerrot wird ob der Kälte. Gehüllt in meinen Schlafsack sticht mir ein Berg ins Auge. Er dominiert die Landschaft mit den Schneemassen auf seinen Schultern. Das Bad erscheint nun warm. Geborgenheit in 1kg Kunstfaser. Daran ändert auch das versalzene Abendessen nichts. Absinkende Temperatur und NoBite verhindern zerstochen zu werden. In der Idylle.

DSCN1782

DSCN1789

DSCN1792

Ein gelungener Tag.