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Tag 2 – oder „real whiskey on the rocks“

… oder wie man hart an seine Grenzen kommt

 

Heute steht großes bevor.

Das Steindalen. Überschwängliche Schwärmerei in Blogs und Foren. Gerüchte und Geschichten ranken sich um dieses Tal. Und dennoch gibt es kaum richtige Informationen über die Route, die wir uns vorgenommen haben. Höhenprofil sieht durchschnittlich schwer aus. Kann also nur gut werden. Hoffe ich.

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Zeltabbau klappt im Halbtrockenen. Zum Frühstück suchen wir provisorisch Schutz hinter einem Felsen, als uns Winde von Westen kommend überraschen. Zusammengekauert zu dritt um die Wärme des Gaskochers. Über uns hinweg fegt die Naturgewalt. EDEKA. Schoko-Müsli schmeckt trotzdem bravourös. Die Regenintensität schwillt an. Los geht’s.

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Zwischen zwei Bergmassiven (ca 1500m) führt uns der Pfad immer weitere im Tal hinauf. Regen peitscht ins Gesicht. Bei jeder Änderung der Windrichtung prickelt es, als die Rezeptoren bereits sind neu zu feuern. Tut gut.

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Unsere Laufgeschwindigkeit bringt uns enorm schnell voran. Weg existiert nur sporadisch. Untergrund ist weich. Wir queren einen Zufluss des reissenden Stromes, der uns seit heute morgen begleitet.

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Hätte ich nun vorher gewusst, welche Zäsur diese Überquerung mit sich ziehen würde. Ich hätte die restliche Tagesetappe wohl nicht geschafft. Doch: Eines. Nach. Dem. Anderen.

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Vor uns liegt nun erneut ein Tal, welches beidseits von zwei gigantischen Bergmassiven eingerahmt wird. Oben auf liegen Eisfelder wie Hauben. Unser weg ist über dutzende Kilometer weit einsehbar.

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Sieht von weitem machbar aus. Wir kommen näher. Weg entpuppt sich als Tanzeinlage über Geröllfelder. Steine. A4 bis hin zur Größe eines Fahrrades. Wahllos ausgekippt. Kippelig. Immer auf der Suche nach der spärlich verteilten roten Markierung.

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So geht es nun 17km. Zunächst schnell. Dann immer langsamer. Jeder Schritt muss sitzen, sonst rutscht man schnell ab. Zwischen den Felsbrocken tun sich kleine Spalten auf.

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Rutsche dann doch ab. Fange es mit den Stöcken ab. Knicke ein paarmal um. Kein Ende in Sicht. Während dessen peitscht der eiskalte Wind uns frontal ins Gesicht. Fluche leise. Egal. Einfach weiter.

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Wir erreichen oben einen kleinen kristallblauen See, der von kleinen Eisfelder gesäumt ist. Eine Tatonka-Tasse voll Gletschereis + Whiskey für uns drei. Brennt kurz im Mund. Dafür brennen die Fusssohlen einen Moment nicht. Stützmotorik klappt immer noch, also weiter.

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Die Geröllfelder scheinen kein Ende zu nehmen. Manche Steine scheinen so hoch aufgeschichtet zu sein, dass zwischen ihnen in gut einem Meter Tiefe ein Flussbett sich ausgebreitet hat. Hier oben sind die einzigen Pflanzen Moos und verrottetes Moos. Weit und breit. Inspirierend, nicht wahr? Aber so einfach kann es laufen.

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Erblicken plötzlich den Sore Bjollavatnet. Abstieg. Nicht nur der Weg, sondern auch die Kraft. Achte nur noch darauf, mit dem Rucksack nicht zu stürzen.

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Ein Zeltplatz voraus. Lasse meinen Rucksack einfach fallen und sinke erschöpft ins Gras. Keinen Schritt weiter. Zelt mit letzten Kräften aufbauen. Pünktlich bricht ein Schauer über uns herein. 20km. Geröll, Fels, Eis, Regen, Sonne, Sturm. Gönnen uns ein ausgiebiges Abendessen. Tut gut.

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Schreiben im Zelt ist zum bisherigen Tag sehr gemütlich.

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Unser Kühlschrankthermometer zeigt für draussen knackige 4°C, drinnen gerade zu sommerliche 18°C.

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Ein Hoch auf das Doppelzelt. Im Hintergrund rauscht ein Wasserfall, den wir morgen laut Karte überqueren werden.

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Gigantisch.

Norwegen Tag 1 – Davon, den richtigen Weg und den besten Zeltplatz zu finden

Die besten Dinge starten zu Beginn selten reibungsfrei. Manchmal ist es der Weg selbst, der sich verborgen zwischen Birken so gut versteckt, dass wir heute nach dem Motto laufen: Der Weg ist das Ziel. Welch Ironie. Kraxeln die steilen Hänge einer Abraumhalde hinauf, wagen uns ein paar hundert Meter in die Wildnis, doch kein Weg. Erst auf halbem Weg zurück zur Bahnstation, gut 2h später. Ein ausgetrampelter Pfad, kaum zu sehen und leicht bedeckt von schüchtern wachsendem Gras. Es kann losgehen!

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Waldiges Gelände führt uns emporwärts. Unaufhaltsamer Nieselregen prasselt auf Kleidung, Rucksack, Brille. Willkommen im Fjell. Immer weiter zieht sich der Pfad den Hügel hinauf. Regel Nummer 1: Läufst du 10 Höhenmeter hinauf, so geht es mindestens auf der anderen Seite wieder 5m hinunter, nur um dann wieder 10 Höhenmeter hinaufzuführen. Zwischendurch immer wieder die Karte checken. Diesen Weg wollen wir nicht verlieren.

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Dennoch. Irgenwann ist man oben. Und dann belohnen die Blicke über weite Ebenen mit tief darinhängenden Wolkenmassen jede Anstrengung. Viele Kilometer erstreckt sich vor uns ein grauer See zwischen mehreren Bergmassiven. Aufgewirbelt durch einen rauen Wind. Inmitten des Sees befinden sich zwei Inseln. Im Sommer genial. Wagen den Abstieg zu einer Hütte am Ufer. Abgeschlossen. Im Ernst. Genießen unser Frühstück im Wind davor. Genauso gut.gopr0317

Folgen den dicht am See verlaufenden Weg. Zunächst kommen wir über ebenes Terrain gut vorran und trotzdem dem Regen. Nach wenigen Kilometern stecken wir mittem im waldigen Morast und der Regen setzt wieder ein. Von unserem Tagesziel, wenigstens noch einen Teil des Steindalen zu durchqueren, sind wir längst abgerückt. Dafür ist die Markierung gut nachzuvollziehen.

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Zwischendurch immer wieder kleinere Anstiege. Kleine Sumpfgebiete liegen wie auf Terrassen vor uns. Bei Regen laufen diese wie Bassins voll. Ein kleiner Vorgeschmack. Versuchen empirisch herauszufinden, welche Gräser die größte Trittfestigkeit besitzen. Klappt. Meistens.

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Verabschiede mich nach wenigen Metern vom neuwertigen Look der Fjäll Räven Hose. Der Matschkrustenpegel übersteigt mittlerweile die Mitte des Oberschenkels. Weiter so. Die Erde quittiert Fehltritte mit einem lauten Schmatzen. Am Wegesrand befinden sich handtellergroße Pilze von braunem, rotem und weißem Farbton.

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Der Weg führt uns Stück für Stück immer weiter das Bergmassiv hinauf. Über uns ist nicht mehr auszumachen, von welcher Wolkenfront wir mit Regengüssen bedacht werden. Wind vom Steindalen aus kommend pustet uns die dicken Regentropfen direkt ins Gesicht.

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Insgesamt bestreiten wir an diesem Tag einige Kilometer im Vorgriff auf die morgige Etappe. Irgendwann sind wir so nass und der Gegenwind bläst so stark, dass wir eine geeignete Stelle als unseren Zeltplatz auswählen.

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Das Panorama beigeistert uns, obwohl der Regen zunächst von seiner Intensität noch zu nimmt.

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Glitzernd funkelnd liegt der See plötzlich vor uns, als sich einzelne Sonnenstrahlen einen Weg durch die bauschige Wolkenschicht bahnen.

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Zur linken liegt ein kleines Flussdelta. Jahrelanges zuführen von Schlamm hat mit der Zeit eine halbmondförmige Insel aufgeschichtet. Danach fällt die Grundlinie stark ab.

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Das erste Mal Wasserfiltern draussen. Die Wasserstelle gleich einem Gemälde. Mit erröteten Fingern pressen wir das eiskalte Wasser durch die Sawyerfilter in unsere Trinkflaschen.

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Kurz vorm Regenschauer steht unser Lager. Alles ist verzurrt und ins Trockene gebracht. Schutz suchen. Etappe eins ist geschafft. Schlafen.

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*/ Der Name des Sees lautet „Kjemavatnet“.

Wildnis – 1 = Dienstag, 30.08.2016

Theorie und Praxis sind immerhin manchmal deckungsgleich. Schlafen an Flughäfen erweist sich als etwa so erholsam, wie der Versuch Schlaf zu finden, wenn ein Stockwerk höher eine WG-Party stattfindet. Wachwerden im Minuten Takt. Handy. Portmonnaie. GoPro. Alles noch da.

05.00h. Beide Hände eingeschlafen. Nächstes mal vielleicht doch nicht alles so fest umklammern. Zeit zum Aufstehen. Dank großem Polizeiaufgebot kommt hier nichts weg. Dennoch: Musternde Blicke von Pauschaltouristen durchbohren uns beim Aufräumen. Scheint für so manch einen doch nicht so einfach zu sein Dinge zu akzeptieren, die außerhalb der Norm liegen. Auf der anderen Seite: Es gibt dann doch genug Gleichgesinnte, die sich langsam auf den Weg zu ihrem Flieger machen.

F und ich suchen Netto, um Frühstück zu kaufen. 2 Baguettes, Käse, Wurst. Großartig simpel. Wozu Fertigessen vom Bistro, wenn man doch seinen gesamten Hausstand mit sich herumträgt? Feiern unser Festmahl direkt vor dem Check-In. Diesmal gibts neidische Blicke.

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Check-In. Kein Alarm trotz weißem Milchpulver im Handgepäck. Rucksackgewicht liegt bie 19,8kg. Glück gehabt! Der Rest kommt ins Bordgepäck. Wir rollen auf die Startbahn. Sanfte Müdigkeit überwältigt mich.

Erst eine sanfte Landung weckt mich wieder. Temperatursturz. Unwillkürlich überkommt mich ein leichtes Zittern. Die skandinavische Interpretation von Sommer ist in den ersten fünf Minuten immer etwas gewöhnungsbedürftig. Von draussen prasseln dicke, kugelige Tropfen an die Scheiben. Kleine Seen bilden sich auf dem Rollfeld neben uns.

Eingangshallle Trondheim Lufthavn. Niemand mustert uns. Drei vollbepackte Menschen scheinen für die Norweger kein ungewohntes Bild abzugeben. Erblicke erstaunt ein Tesla-Taxi. Unser Versuch, beim Busfahrer nach Trondheim Innenstadt bar zu bezahlen, führt zu einem wissenden, verständnisvollen Lächeln. Immerhin keine Kartengebühren. Busfahrt. Zirka 30 Minuten braucht der Shuttle-Bus vom Flughafen zur Innenstadt. Um die Unterhaltung zu wahren, sind sämtliche Ansagen des sehr freundlichen Busfahrers auf Norwegisch. Ab und zu mustert mich der Busfahrer im Rückspiegel fragend, ob wir aussteigen wollten. Nehmen eine Haltestelle nach Gut Glück und liegen genau richtig.

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Gaskartuschen auftreiben. Ohne sie geht die nächsten 10 Tage nichts. Entdecke zum Glück zwei Straßen weiter einen Outdoorladen, der eine großen Vorrat besitzt. Damit wäre dann auch bewiesen, dass man in Trondheim ohne Probleme Kartuschen kaufen kann (ganz anders, als es weitläufig im Internet heißt). Belassen es bei einem Kilogramm Gas, was sich als mehr als ausreichend herausstellen wird.

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Lassen uns im Hauptbahnhof von Trondheim häuslich nieder. Acht Stunden Wartezeit. Postkarten schreiben. Nocheinmal einen öffentlichen WiFi-Hotspot nutzen. Treffen @schmeckerlive aus Deutschland, der schon einen Teil seiner Tour hinter sich hat (https://www.instagram.com/schmeckerlive/).

23.30h. Endlich. Der Zug nach Norden in Richtung Bodo steht auf Gleis 3 zur Abfahrt bereit. Ein aufmerksamer Schaffner empfängt jeden einzelnen und zeigt uns die Richtung unseres Waggons. Vor uns: Berge von Wanderequipment (es ist eigentlich so, wie freitags im ICE). Anscheinend sind wir nicht die einzigen, die eine Wildnistour in Nordnorwegen geplant haben. Schlafe instant wieder ein.

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05.30h. Gleichmäßiges Rumpeln der Waggons lässt mich wieder erwachen. Draussen liegt die Landschaft in einem nebligen Halbdunkel. In der Ferne ziehen Landschaften mit weiten, flachen Seen und spitzen Bergen vorbei.

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Lonsdal. Ein Haus. Ein Funkmast. Finally.

 

Links:

–> http://bruun.no/

–> http://www.sport1.no/butikk/axel-bruun-sport/

Wildnis – 2 = Montag, 29.08.2016

Keine 12h mehr, dann geht es los. Auf in den Norden. Auf nach Norwegen. Wetterlage: Unbekannt. Doch das soll mich jetzt nicht kümmern. Frühstücksrationen fehlen noch. DM. Kaufe Babymilch, Eigenmarke, „ab 12 Monaten“. Schmeckt hoffentlich weniger infantil, als die Verpackung suggeriert. Werde ungehalten von rechts gemustert. Vorwurfsvolle Mutterblicke durchbohren mich. Warum ich wohl keine teure Milupa Milch für mein Kind kaufen würde. Wenn sie wüsste. Edeka. Müsli Schoko/Haferflocken in rauen Mengen unter den Arm geklemmt. Küche. Tütchenweises Abwiegen. 120 Gramm Müsli + 30 Gramm Milchpulver. Kalkuliertes Frühstück. Einladend. Riecht nach Vanille. Immerhin :) Tupperdose voller Instant-Kaffee. Grinsen. Yeah!

Packen mit J, M, F. Aussenstehende sehen fasziniert das Chaos im Zimmer. Wir die effiziente Packstrategie und die effektive Gewichtsverteilung im Rucksack. Zum Glück fehlt bei der Ausrüstung nichts. Kollektive Vorfreude macht sich breit. Sowas gabs schon sehr lange nicht. Anspruchsvoll wird es wohl werden. Tourberichte versprechen knackiges Terrain. Abwarten. Finden wir es einfach heraus!

ICE

Gemütliches Dahingondeln im ICE. Anwesende Passagiere taxieren uns mit Neugier. So recht fragen, was wir wohl vorhaben, will dann doch niemand. Wahrscheinlich sind unsere Klamotten noch nicht schmutzig genug.

23.30h Berlin Hbf. Hier schläft definitiv noch niemand. Setzen mit Tram und S-Bahn über nach Schönefeld. Leute fragen uns nach unserem Ziel. Schnell gibt es Tipps für die richtige Verbindung. Eine Stunde später. Hauptsache Flughafen. Merke: In jedem Namen liegt ein wahrer Kern.

S-Bahn nach Schönefeld

00.30h Schönefeld Airport. Warme Luft schlägt mir aus der Empfangshalle D entgegen. Polizisten mit MPs und Putzkolonnen mit Wischmaschinen. Jede Menge gestrandeter Urlauber überall, allseits verteilt auf die vorhandenen Sitzbänke. Bloß über niemanden stolpern. Finden in einem Zwischengang genug Platz.

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Thermarest auspacken. Vorübergehend gestrandet. Klimaanlage zieht. Gut, hat ja niemand gesagt, dass Flughäfen die besseren *****-Hotels seien.

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Es ist taghell unter dem Neonlicht. Und falle in einen unruhigen Schlaf. Pünktlich zum Sonnenaufgang bin ich wieder wach. Hat sich gelohnt :)

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Los geht’s.

Es kommt der Zeitpunkt, da geht es los. Langes Planen, langes Abwägen, langes Warten. Doch irgendwann steht man da, mitten im Regen und man weiß: Jetzt gibt es kein Zurück.

#trondheim Skyline. ✈️ #tourstart #10grad #ingwerbrause

Ein von Lukas Kritzner (@lulovco) gepostetes Foto am

#Vorfreude

Zwar geht es nicht genau dort lang, doch die Region stimmt. Ob wir wohl auch so viel Glück mit dem Wetter haben werden? :D

4 Wochen

So langsam ist es an der Zeit, den Countdown anzuwerfen. Bahn und Flieger sind gebucht, die Route ausgearbeitet. 180km durch den Saltfjället-Svartisen Nationalpark liegen vor uns. Zeit, für warme Klamotten zu sorgen. Noch scheint es unberechenbar, welche Temperaturen uns erwarten. Hoffen wir, dass der Schnee wenigstens nicht auf dem Wasser treibt ;) Bilder auf Blogs, in Foren und Fotosharing-Seiten versprechen großartige Ausblicke.

 

Auf gehts also zum Endspurt. :)

 

(M)ainfischbar in Würzburg

Fischbrötchenessen & Feuerwerk #würzburg #mainufer #krabbewuerzburg #lernpause

Ein von Lukas Kritzner (@lulovco) gepostetes Video am

Hundertmal dran vorbeigegangen. Am Ende fast so gut wie Fisch im Sommerurlaub am Meer. Pommes mit Zitrone. Top.
Volle Empfehlung für warme Sommerabende.

https://de-de.facebook.com/FischbarZumKrebs/

Es geht wieder los.

☀️⛵️⚓️ #munkholmen #trondheimsfjorden #visittrondheim #idyll #sommer

Ein von Pirre (@pirre89) gepostetes Foto am

To be continued. Coming this summer :)
#trondheimsfjorden

Die Insel an der Insel: Pfadloses Hebriden-Wandern auf dem Skye Trail

 

Einleitung

Kleine Vorwarnung: Meine Einleitung ist mächtig. Wen nur die Insel interessiert, der möge einen Sprung zum Hauptteil machen. Wer unsere Strecke verfolgen möchte, kann den Weg hier auf gpsies.com verfolgen.

Auf der Isle of Skye gedreht (ebenso die Macbeth-Verfilmung des letzten Sommers):

 

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Meine Urlaubsplanung war dieses Jahr irgendwie anders. Ich bin ein Listenmensch. Jemand, der sich gerne eine Übersicht verschafft. So hängt an meinem Schreibtisch ein kleines Post-It mit möglichen Reisezielen. Nichts exotisches, überwiegend europäische Orte. Mehr als dort hängen und in Klausurenphasen einen kurzen Blick hatte dieses Zettelchen nicht drauf.

Mein Sommerurlaub war in einem Zeitfenster im August angesetzt. Ich war spät dran, niemand hatte mehr Zeit (ich hatte gefühlt jeden gefragt). Im Forum wurde ein Wanderpartner gesucht. Für die Isle of Skye. Ein kurzer Blick auf das gelbe Zettelchen über dem Laptop verriet: Stand ganz oben. Also gleich mal eine Nachricht an den Verfasser geschickt, der mir im Namen und Studiengang glich. Weswegen ich auch dann öfters gefragt wurde, ob ich schizophren bin und einfach nur alleine fahre.

Von hier an ging es eigentlich routiniert: Flug nach Aberdeen und auch gleich schon zurück gebucht. Ein Haufen weitere Verbindungen wie Züge und Busse ins Hinterland ebenfalls. Weiterhin noch Packlisten erstellen, Landkarten und Reiseberichte lesen.

So, ab hier geht’s los: Zug nach Frankfurt, Flug nach Aberdeen. Nichts spektakuläres, alles pünktlich. Mein erstes Mal auf der Insel, das erste Mal ein kleiner Flughafen mit drei Flugzeugen davor und das erste Mal Passkontrolle. Und vor allem das erste Mal erschrecken, wenn der Busfahrer auf dem Weg in die Stadt voll auf die linke Fahrspur fährt. Gleich erstmal peinlich im Bus umgeschaut, ob jemand mein Gesicht bemerkt hatte.

In Aberdeen, einer eher trostlos wirkenden Stadt, verbrachte ich den Tag am längsten Stadtstrand Europas mit dem Beobachten der riesigen Öltanker und die Nacht in einer Jugendherberge. Die betonfarbenen und eher gleichförmigen Fassaden sorgen für einen irgendwie aufgesetzten Charakter der Gebäude, als wäre es Disneyland. Am nächsten Tag traf ich dann Frederick, allerdings nicht wie geplant schon im Zug, sondern erst in Inverness am Bahnhof.

Es war so gegen vier Uhr, als wir an unserer kleinen Herberge ankamen. Danach noch zu Aldi, eben mal die lokalen Shops anschauen. Den Rest fasse ich kurz zusammen: Nette Franzosen, Amis, Briten und glücklicherweise nur uns zwei Deutsche vor Ort.

Jetzt geht’s aber wirklich los: Der Bus fuhr ab, immer noch keine Deutschen zu hören: Suspekt. Suspekt war auch der offensichtliche Backstein auf dem Gaspedal. Nahe der Schallmauer auf den nassen Straßen ließen sich keine Details an der Vegetation nahe der Straße mehr erkennen. Niemanden außer mir schien das zu beunruhigen, Frederick hob die Schultern: „Ist halt so“. Nun wusste ich jedenfalls, warum die Dame in der Sicherheitsweste vor der Fahrt kontrollierte, dass alle angeschnallt sind. Überhaupt tragen Briten generell sehr gerne neongelbe Sicherheitswesten. Egal.

Ab Loch Ness wurde es bewölkter und auch voller am Straßenrand. Dunvegan Castle, „Nessieland“ (ein Abenteuerpark) und Millionen Touristen auf Booten, mit gezückten Kameras und einem strengen Forscherblick aufs Wasser gerichtet. Nur so viel sei verraten: An diesem Tag gab es keine zoologische Sensation.

In Kyle of Lochalsh ging es kaum merklich über die Skye Bridge auf die Insel. Und die Sonne ließ sich blicken. Endstation dieser Busverbindung war Portree, eine größere Ortschaft an der Ostküste in der Mitte der Insel, auf der die gälische Sprache noch viele Ortsnamen prägt und teils auch noch gesprochen wird. Wir besorgten uns Fish’n’Chips, das wohl kulinarische Highlight der Briten (man möge den Sarkasmus erkennen) und stellten uns an die Bucht, wo ein Kilt- und Bagpipes-Mann für den erwartbaren Kitsch sorgte. Nach einem Bier („John Smith‘s“) ging es imSchulbus dann weiter in den Norden der Insel. Wortlos die Aussicht auf die grünen Berge betrachten. Jedenfalls wir, die uniformierten Schüler unterhielten sich lautstark, ohne wie wir die Landschaft zu bewundern. Das Wetter änderte sich auf der Fahrt in noch etwas freundlicheren Sonnenschein. Richtig warm wurde es trotzdem nicht. Im Bus blieben, nach dem Aussteigen der Schulkinder, noch zwei französische Pärchen. Während uns der Busfahrer an der berühmten Telefonzelle am nördlichsten Punkt der Insel rausließ, stiegen sie bereits etwas früher aus. Es war aber nicht das letzte Mal, dass wir ihnen begegneten.

Skye Trail

Der Blick vom Startpunkt ins Landesinnere

Der Blick vom Startpunkt ins Landesinnere

Die Sonne schien, ein kräftiger Wind wehte vom nahen Atlantik, der die Wolken wie im Zeitraffer über die bergige Landschaft im Innern der Insel ziehen ließ. Unser erstes Ziel, die Lookout Bothy, war in der tiefen Sonne zügig erreicht. Bothies sind eine Art unbewirtschaftete Hütten mit um die 6 Matratzen auf engem Raum. Diese Bothy liegt direkt über dem Meer an einer Kliffküste und ist oftmals gut besucht.

Der erste Kilometer

Der erste Kilometer

 

An der Lookout Bothy

An der Lookout Bothy

Auf dem Felsen ist klein die Bothy erkennbar

Auf dem Felsen ist klein die Bothy erkennbar

 

Mit uns, es ist erst gegen 16 Uhr (Ortszeit), ist nur ein Schotte im nahen Rentenalter, der uns bereits von der Telefonzelle hinterherlief. Er erzählte uns bei angenehmer Windstille in der Hütte und Aussicht aufs Meer von „früher“, wie es Senioren gerne tun und schaltete das Radio an. Durch eine Lokalmeldung werden wir aufmerksam: Eine mehrköpfige Pfadfindergruppe aus Deutschland sei von der Ridge (s.u.) gerettet worden. Im Gästebuch der Hütte hatten sie einige Tage zuvor auch einen sehr optimistischen Eintrag gemacht. Wir wollten danach noch ein bisschen weiter. Nach einigen farbintensiven Kilometern in der langsam untergehenden Sonne bauten wir unsere Zelte östlich der Siedlung Balmaqueen auf, direkt an der Kante. Der Wind erschwerte Zeltaufbau, Kochen, den Gang auf die „Toilette“ und schließlich auch das Einschlafen im durchgeschüttelten Zelt.

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Unser Zeltplatz

Unser Zeltplatz

Tag 2: vom nördlichen Kap zum Beinn Edra

 

Angenehme Nacht gehabt? Eher nicht. Das Vertrauen in mein frisch erworbenes Zelt, Marke Vaude, war noch nicht vorhanden. Der Wind der Nacht drückte es auf die Hälfte der eigentlichen Größe, trotz Abspannung mit allen Leinen. Frederick schlief noch, ich nutze die Zeit für ein paar Fotos vom Sonnenaufgang, Landkartenarbeit und Umherschweifen. Als Frühaufsteher war ich das gewohnt. Am Vorabend meinte er zwar, ich könne ihn einfach wecken, aber dann konnte ich ihm das doch nicht antun. Unser heutiges Vorhaben war an der Küste entlang über Flodigarry ins Gebirge einzusteigen und dann die ersten Kilometer auf der Ridge zu laufen. Die „Ridge“, eigentlich Trotternish Ridge, ist ein Teil unseres Wegs an diesem und nächsten Tag und sollte mir noch die verdiente Ehrfurcht lehren.

Test

Ruine bei Balmacqueen

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Nach Flodigarry kamen wir über Umwege. Der Grund dafür liegt an der Eigenschaft des Skye Trails, eigentlich kein Weg zu sein. Es existieren keine Schilder oder andere Markierungen, manchmal nicht mal ein erkennbarer Pfad. Auf der Karte war einfach nur eine Linie eingezeichnet und so landeten wir kurzzeitig in einer Sackgasse an einer Steilkante, die uns zwar den Ausblick auf Flodigarry ermöglichte, aber mehr auch nicht. Wir hatten ein im Gebüsch versteckten Abstieg verpasst und kamen dann über den Strand in Flodigarry an. Dieses besteht scheinbar nur aus einer Herberge und einem Hotel, letzteres eine eigentümliche Synthese aus drei Baustilen: geweißelter Vorderbau im Stil einer Ritterburg, ein regional-typischer Teil mit Hotel und ein schmuckloser Kubus als hinterer Anbau. Davor Golfplatzrasen. Trotz britischer Preise gönnten wir uns ein Bier (oder vielleicht auch zwei) und kamen mit einem amerikanischen Paar ins Gespräch. Als später einige schwäbische Eheleute den Gastraum betraten, bemühten wir uns, nicht als Deutsche aufzufallen, um mit ihnen nicht auch noch ins Gespräch zu kommen. Wenn man diese älteren Mitbürger in ihren Funktionsjacken und Nordic Walking Ausrüstung im Ausland trifft, schaltet man sofort auf anonym, um folgendes zu vermeiden: „Ach, ihr seid auch aus Deutschland? Das ist aber schön.“ Wir beobachteten also aus der Distanz, gedeckt durch die englische Unterhaltung mit Amerikaner und Wirtin. Wo bleibt die Moral, ich weiß. Ich bin aber nicht der Einzige! Teutonische Bürger sind einfach überall und dann auch noch in Scharen.

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Das besagte Hotel

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Nach einem Kilometer Asphalt gab es endlich Höhenmeter. Nach einem schönen Anstieg am Loch Langaig vorbei befanden wir uns vor einer schroff aufsteigenden Felswand. Ohne zu wissen, passierten wir Landschaftsmarken mit den Namen „The Needle“, „The Prison“ und „The Table“. Außerdem stieg die Anzahl der Tagestouristen an. Und zwar stark. Der Grund war das Postkartenmotiv „The Quiraing“, ein Gipfel am „Meall na Suiramach“ und altnordisch für „Runde Falte“, mit einem Parkplatz mit vielen Autos und Bussen. Auf Fredericks Anraten aßen wir etwas an einem Imbissstand („Haggis“) und schauten anschließend einem Busfahrer zu, der sich in der Innenseite der Kehre einer Serpentine festgefahren hatte und verzweifelt über dem Lenkrad hing, während er den Verkehr blockierte.

Foto: Frederick

Foto: Frederick

Als wir den Parkplatz verließen, war das Rauschen der Zivilisation wie abgeschaltet. Ich nahm wieder den Wind wahr, mein Puls senkte sich merklich und die Hektik des Parkplatzs war verschwunden. In den nächsten zwei Tagen trafen wir keinen Menschen. Lediglich ein Zelt am selben Abend, dessen Bewohner wir aber nicht zu Gesicht bekamen. Weder Frederick noch ich machten von diesem Abschnitt Fotos. Die Intensität dieser Strecke hätte es auch unmöglich gemacht, die Atmosphäre richtig einzufangen und widerzugeben. Dazu das passende Zitat aus Das erstaunliche Leben des Walter Mitty:

„If I like a moment, for me, personally, I don’t like to have the distraction of the camera. I just want to stay in it“.

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Der Weg verläuft entlang der Kante in der Ferne

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Der gedachte Weg verläuft über einen grasbewachsenen Höhenrücken aus basischem Gestein (der Großteil der Insel besteht aus tertiärem Basalt), auf einer Seite mehrere hundert Meter schroff erodiert und gegenüberliegend zum Teil flacher in Richtung Ozean abfallend. Es ist nur selten ein Pfad zu erkennen, der Verlauf, meist entlang der Steilkante, ließ keine waagerechte Strecke zu. Jeder Aufstieg wurde mit einem neuen Ausblick oder auch neuer Perspektive auf Bekanntes belohnt. Besonders durch die Geländestruktur verstärkte sich der Wind der Insel, der an diesem Abend vom Meer kam, zusätzlich.

Zugegeben, die Höhenmeter brachten mich ganz schön ans Ende. Wir wollten überdies einige Kilometer machen, denn aufgrund fehlendem Fließwasser war Mangel an Trinkwasser praktisch vorherzusehen und ein dritter Tag ohne wäre ungemütlich geworden. Es war schließlich auch die Etappe, an der diesen Sommer zwei Menschen zu Tode kamen und viele, auch die Pfadfinder, gerettet werden mussten. Nur mal so ;). Zwar hatte man auf der gesamten Ridge meist das Gefühl, auf einem nassen Schwamm zu laufen (selbst am Hang), bedingt durch vollgesogenes Torfmoos, trinkbar ist das aber natürlich nicht . Nachdem wir später am Abend den womöglich höchsten Punkt des Skye Trails erreicht hatten, beschlossen wir in der nächsten Senke die Zelte aufzubauen. Bäume, die uns vor dem Wind ein wenig hätten schützen könnte, gab es nicht, sodass der Platz einem Kompromiss gleich kam.

 

Tag 3: Bis nach Portree

 

Am Morgen wurde das Zelt abermals wie in der Nacht zuvor stark niedergedrückt, Regentropfen prasselten auf die Plane und ein Blick nach draußen zeigte dichtesten Nebel, der im Wind rasch weitergetragen wurde. Ich konnte kaum Fredericks Zelt erkennen. Als dieser wach wurde, kam er in mein Vorzelt und wir beschlossen, auch nur bei einem kurzen Aussetzen des Regens einen schnellen Zeltabbau. Nach etwa einer halben Stunde war es soweit: Während der Wind uns den Nebel kalt ins Gesicht drückte, stopften wir alles klatschnass in die Rucksäcke (#Sommerurlaub). Ich war wirklich froh darüber, alles Essbare wasserdicht eingepackt zu haben. Mithilfe Karte und Kompass navigierten wir schließlich durch das Gewölk im Bemühen, nicht über die nicht erkennbare Kante zu rutschen. Wir gingen über den nächsten Berg, durch eine Senke und am nächsten größeren Aufstieg konnten wir die Lage endlich überblicken: Wir hatten uns in einer Wolke befunden, die der Landwind diesen Morgen aufs Meer schob und die wir nach oben hin nun verlassen hatten. Diese Wolke wurde am östlichen Steilhang empor gedrückt, wo sie dichter wurde, um dann nach dem Überqueren, welches das tiefe Rauschen ähnlich einem Wasserfall erzeugte, zu zerreißen und sich wieder aufzulösen. Im Licht des Sonnenaufgangs zusammen mit dem restlichen Ausblick ein eindrückliches Bild.

Frederick hatte diesen Morgen noch etwas zu trinken, ich hatte mein aufgesammeltes Regenwasser schon verbraucht. Da es ja kein fließendes und damit frisches Wasser gab, mussten wir den Filter und die Chlortabletten an einer größeren Pfütze auf einem Berg bemühen. Es dauerte eine geschlagene halbe Stunde, etwas mehr als einen Liter zu klären. Wir beobachteten währenddessen weiter die Wolken-Szenerie an den umliegenden Bergen.

Die weitere Strecke war ähnlich dem Vortag im Profil ähnlich. Nach einem besonders intensiven Aufstieg sollten wir wieder auf einen Pfad treffen. Diesen verpassten wir natürlich und so stiegen wir einfach da ab, wo es uns passte. Das war nicht sehr knieschonend, aber wir waren nun an einem durchdringend tiefblauen See inmitten dieser leuchtenden, durchgängig grünen Landschaft zwischen den Felsen. Der berühmte ‚Old man of Storr‘ war schnell erreicht, hier trafen wir wieder Menschen. An diesem ca. 50 Meter hohen Bsalt-Monolithen, tummelten sich viele Leute. Frederick und ich fotografierten uns kurz gegenseitig und die Leute anschließend auch uns. Ist ja auch kaum zu fassen: Leute mit großen Rucksäcken, die nicht in Sandalen mit dem Bus bis fast vor die Attraktion gefahren werden um auf einem 10 Meter breiten Schotterweg den anstrengenden Aufstieg mit diesem ultraschweren Selfiestick zu machen.

Foto: Frederick

Foto: Frederick

Pfadlos auf der Ridge Foto: Frederick

Pfadlos auf der Ridge
Foto: Frederick

Am 'Old man of Storr'

Am ‚Old man of Storr‘

Beim Abstieg kamen wir mit einem älteren Pärchen aus GB ins Gespräch. Sie boten uns an der Straße an, mit ihnen zu fahren, als wir überlegten, ob wir den Rest nach Portree heute noch laufen sollten. Frederick setzte sich zur Fahrerin nach vorne, ihr Gatte hinten bei mir auf der Rücksitzbank erzählte uns von seinen kühnen Wandertaten im Vorjahr. 30 Meilen pro Tag mehrere Wochen lang in den schottischen Highlands. Gibt es sowas wie Seemannsgarn für Wanderer?

In Portree versuchten wir vergeblich einen Platz in einer der zwei Herbergen zu bekommen. Wir entschieden uns kurzerhand für einen Campingplatz nördlich des Ortes. Nach 4 Tagen waren eine Dusche und Einkaufen mal wieder zwei zivilisatorische Schritte, die wir nach der angekratzten Wanderehre durch das Hitchhiken auch noch auf uns nahmen. Obwohl wir eigentlich bereits nach Kassenschluss am Platz kamen, durften wir noch das Zelt aufschlagen. Dann kamen die Midges (deutsch: „Griebelmücken“), diese durchsichtigen kleinen Blutsauger, die auch grobmaschige Mückennetze ignorieren. Also zügig ins Zelt.

 

Tag 4: Whiskey-Abstecher zur Talisker Destille

 

Die Midges  fanden auf dem Campingplatz genug Nahrung (nämlich uns) und waren in Schwärmen unterwegs, weswegen wir schleunig verschwanden. Zunächst stand ein nochmaliger Einkauf an. Seit Tagen ernährten wir uns unter anderem von einem der zwei Highlights der britischen Küche: Sandwiches. Das andere ist Fish’n’Chips.

Gerne nahm ich Fredericks Vorschlag an, heute die Talisker Destille zu besuchen. Ich, das Gegenteil von whiskey-approved, konnte daraus nur profitieren. Dazu mussten wir den Bus nehmen. Wen trafen wir wieder? Die Franzosen von Tag 1. Wir wechselten allerdings kein Wort. Wir bemerkten uns eben nur gegenseitig. Der Busfahrer bot uns an, die Rucksäcke im Boden des Busses zu verstauen. Die nächste Fahrt zurück, die er nach seinen Schulbusdiensten antrat, wollten wir sowieso nehmen.

Vor Ort dann eine Anmeldung zur Besichtigung. Da aber die Toilette des Hauses nicht funktionierte, musste diese anschließend abgesagt und das Besucherzentrum regelrecht evakuiert werden. Schon seltsam. Es folgte aber ein Grund, weswegen ich mich ungern als Deutscher im Ausland gebe (in Schweden hatte ich schon behauptet, ich sei aus Italien): Ein Jack-Wolfskin-Träger brüskierte sich im feinsten Denglisch („sis is not normal“) am Empfang, wie das denn sein könnte. Als hätte es einen Nutzen und er könnte etwas ändern. Stattdessen war es einfach nur wieder peinlich. Frederick und ich beschlossen, eine kleine Flasche vom Zehnjährigen zu erwerben und vor dem Gebäude bei Sonnenschein und blauem Himmel an der malerischen Bucht zu entweihen. Das taten wir auch, stilecht aus Plastik-Schnapsgläsern. Das Profil dieses Whiskeys (die Insel-Whiskeys seien alle „torfig“) schmeckte ich zunächst nicht, er brannte zunächst einfach nur wie ein Obstler.

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Das Besucherzentrum blieb geschlossen und wir beobachteten, nicht ohne Schadenfreude, wie die Damen des Hauses die Besucherströme wieder abweisen mussten. Aber war das nun nur eine Ausrede und im Betrieb gab es beispielweise einen Unfall oder ist es vielleicht nach britischen Recht nicht erlaubt, ohne Klo geöffnet zu haben? Egal, wir machten einfach unsere eigene Führung übers Gelände. Der Alkohol wirkte prima an diesem Mittag.

Im Bus zurück wieder die zwei Franzosen-Pärchen. Während die feinen Damen und Herren im Drei-Häuser-Dorf Slichagan das Hotel aufsuchten (man sollte ihnen die Lizenz entziehen können, einen Trekkingrucksack tragen zu dürfen), betraten wir den Zeltplatz.

Perfekter Vulkankegel aus bleichem Granit

Perfekter Vulkankegel bei Slichagan (Glamaig) aus bleichem Granit, ein Mitglied der Red Cuillins

Foto: Frederick

Foto: Frederick

Anschließend gingen wir weiter in den Pub. Mitten in der Einöde stand dieser Gastraum des Hotels, mit einer riesigen Auswahl an Whiskey, Bier und nochmal Whiskey. Es war Gebrannter aus ganz Schottland vorhanden, bestimmt im insgesamt fünfstelligen Wert. Wir beschlossen, neben dem Burger und Pommes einfach mal alle Fassbiere von rechts nach links durchzuprobieren. Klappt immer, eine super Idee! Frederick war und ich bin schließlich Student, wo bleibt die Ehre.

Nach den 5 Sorten oder mehr, konnten wir uns den Kinoabend in der Kinderecke natürlich nicht entgehen lassen: „Der Butler“ mit Forest Whitaker. Die einzigen Kinder (wir), verließen den Laden als der Kellner bereits die Stühle hochstellte und gingen wieder zurück zu den Zelten.

Tag 5: Slichagan nach Broadford

 

Midges-Überfall! Dem schnellsten Zusammenpacken der Wandergeschichte folgte allerdings eine der schönsten Etappen zusammen mit der des zweiten Tages. Es kam irgendwie ein bisschen Lapplandgefühl auf, die Szenerie hätte auch gut zu „Herr der Ringe“ gepasst. Als der Wind die Plagegeister in die Gräser bannte, wurde es vor der schönen Szenerie Zeit für einen Kaffee. Auch wenn der Vorabend etwas anderes hätte vermuten lassen können, uns ging es prima ;-) .

An diesem Morgen nieselte es leicht, der „Slichagan Path“ schlängelt sich durch das breite Tal mit den wolkenverhangenen Bergen des Hochlands an den Seiten. Das Ende dieses Wegs verschwand in einer Gruppe eng zusammenstehender blauer Berge, in deren Mitte ein ebenfalls blauer See mit kleinen (nochmal) blauen Blumen am Ufer lag. Hier hätte man es auch aushalten können.

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Im Hintergrund der bekannte Blà Bheinn, einer der 282 Munros

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Am See entlang ging es über einen Kamm in die Sichtweite einer Förde. Die Zahl des Gegenverkehrs nahm zu: Tageswanderer von Elgol nach Slichagan. Zu unserer Freude auch eine Gruppe deutscher Pfadfinder. Die Frage, ob es die Geretteten waren, konnten wir uns nicht verkneifen. Sie waren sichtlich erstaunt, dass wir das wussten. Die ganze Insel wusste es. Wir erfuhren, dass einer sich am Bein verletzt hatte und wohl einige Zelte versagten. Nach ihrer Rettung beschlossen sie, noch ein paar Tagestouren zu unternehmen. Wer auch immer das Sagen hatte in dieser Gruppe, wird sich in der Heimat wohl etwas anhören lassen müssen.

An einem Südwesthang über dem Ozean nahm der Bewuchs deutlich zu und überragte uns auch zum ersten Mal seit unserem Start. In Elgol suchten wir den kleinen Dorfladen auf. Die Windstille (ergo Midges) ließ uns drinnen mit den Damen des Dorfes noch einen Tee trinken. Überhaupt gibt in GB nur DEN Tee: Aromatisierter Schwarzer mit Milch, andere Sorten werden unterdrückt. Während ich mich höflich im Hintergrund hielt und den Tee fast alleine trank, konnte Frederick gut mitplaudern.

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Kurz vor Elgol

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Es folgte einer der leidlichsten Strecken: Geteerte Straßen, die die Füße schmerzen ließen. Dazu Midges und eben Autos (wer hätte die auf einer Straße auch erwartet). Irgendwann wurde es unerträglich. Wir hoben die Daumen, ein Wohnmobil hielt. Glück also beim ersten Versuch! Ein Ehepaar aus Manchester bot die Rettung an und forderte uns auf, schnell hinten einzusteigen. Ich machte mir es neben dem Hund bequem. Der war so klein, dass ich mich beinahe auf ihn draufgesetzt hätte.

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Mit gemischten Gefühlen kamen wir in Broadford an. Auf der einen Seite müde und froh über das Ersparen von viel Unsinn, auf der anderen Seite fühlte es sich wie Betrug an uns selbst an. Das Karma schlug auch gleich zu: In dem Ort, der praktisch als Einfallstor auf die Isle of Skye funktioniert, waren alle Herbergen belegt. In einem Hotel erfuhren wir, dass oft Wanderer ihr Zelt auf einer kleinen Wiese an der Brücke des Broadford River direkt an der Straße aufschlagen.

Das taten wir auch. In der Jugendherberge reservierten wir noch ein Zimmer für den folgenden Tag und wo wir schonmal da waren, nutzen wir auch schamlos gleich die Küche aus.

Kennt jemand das Bier? Schmeckt unbritisch und lecker.

Kennt jemand das Bier? Schmeckt unbritisch und lecker.

 

Tag 6: Lückenflicken von Torrin nach Broadford

 

Theoretisch hatten wir den Weg ja beendet, aber unser Wegverlauf musste ja noch lückenlos geflickt werden. Kurz vor Torrin setze uns der Busfahrer in der Ortschaft Kilbride ab, ohne Gepäck wollten wir die wenigen unasphaltierten Kilometer zurück nach Broadford absolvierten. War das Wetter für schottische Verhältnisse trocken diesen morgen (bedeutet bisher bedeckter Himmel und ab zu etwas Nieselregen), so setzte nach wenigen Meter ein kräftiger Schauer ein. Wenige Kilometer weiter zwischen Suisnish und Boreraig versprach die Karte Wasserfälle. Und wir wollten Wasserfälle. Wir bekamen sie auch.

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Wir nahmen uns Zeit für den Weg. Haltet mich für bescheuert, aber es fühlte sich wieder falsch an. Nicht das Ungehetzte, sondern das beinah zu Leichtfüßige ohne den Trekkingrucksack. In aller Ruhe kamen wir um halb drei schon wieder in Broadford an und gingen weiterhin tiefenentspannt einkaufen. Worum geht es mir eigentlich beim Wandern? Die Natur, die Herausforderung, die Unabhängigkeit mit dem Gefühl, alles zum Leben in einem Rucksack zu haben und praktisch sein Dasein auf dem Rücken zu tragen? Sehr metaphorisch. Aber beim Wandern über das Wandern und das Sein nachzudenken ist einmalig entspannend. Die Routine macht es einfach aus: Den Fuß vor den anderen Fuß setzen. Völlige Ungebundenheit. Kein Mobilnetz. Einsamkeit. Berge. Viele Dinge eben.

Wir bezogen noch unseren Raum, machten einen Spaziergang, kochten und unterhielten uns mit anderen Leuten in der Herberge.

Fertige Quiche!

Fertige Quiche!

 

Tag 7: Lückenfüllen Portree nach Slichagan

 

Schon am Vorabend packten wir den Plan, nochmal mit dem Bus die schöne Strecke nach Portree zu fahren. Von dort wollten wir die Lücke nach Slichagan schließen. In der Karte waren an den Flüssen der Bucht von Slichagan wie beispielsweise dem ‚Alt an t-Sithein‘ keine Brücken eingezeichnet. Auch der Reiseführer warnte vor einer wetterabhängigen Unpassierbarkeit. Kühn wie wir waren machten wir uns bei leicht bewölktem Himmel auf den Weg. Nach einigen Kilometern entlang der Hauptstraße ging es auf einer kleinen, kaum befahrenen Landstraße weiter. Ab Camustianaviag begann es dann zu regnen. Und zwar zunehmend in solchen Massen, als würde das Wetter die Trockenheit der letzten Tage auszugleichen versuchen. Der zusätzliche Wind brachte sogar die Schafe dazu, entlang einer Mauer auf andere Schafe zu steigen, um etwas trocken zu bleiben. Wir suchten in einer kleinen Hütte einer Ortschaft am Ende der Straße B883 etwas Schutz, da auch die Regenkleidung ihre Grenzen hat. Der Versuch, daheim per Telefon den Wetterbericht für die nächsten Stunden zu erfragen, schlug fehl. Nach etwa einer dreiviertel Stunde ließ der Regen leicht nach, sodass wir unseren Weg fortsetzten. Da wir bereits einige Stunden von Portree entfernt waren, wollten wir versuchen, nach Slichagan zu kommen. Der wieder zunehmende Regen erschwerte den Trampelfad an der Südostseite des Ben Lee. „Pfad“ war übertrieben: Größtenteils stand das Wasser schenkelhoch, sodass eine Unterscheidung zwischen dem Weg und den kreuzenden Bächen kaum möglich war.

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Auch ein Ausweichen auf die Wiesen war zwecklos, da alles Grüne auf der Isle of Skye die Eigenschaften eines mit Wasser vollgesogenen Schwammes hat. Frederick verlor mit seinen mutigen Turnschuhen früher als ich das Bedürfnis, trockene Füße zu behalten. Während ich noch darauf achtete, nicht im tiefsten Wasser zu laufen, war er immer ein kleines Stück weiter vorne. Etwa 2 Stunden später, nach zahllosen glitschigen Passagen über Steine in Sturzbächen oder kleinen Kraxeleien bei im Minutentakt neu ansetztenden Regenschauern endete die Reise an einem durchflussreichen, etwa zehn Meter breiten Fluss.

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Womöglich der ‚Alt an t-Sithein‘

 

Zunächst suchten wir noch nach einer Möglichkeit, auf Steinen zu überqueren. Doch diese Möglichkeit erschien uns als zu gefährlich (siehe Bild oberhalb). So blieb uns noch die Möglichkeit des Furten. Während man das konventionell mit einem Schuhwechsel erledigt, entschieden wir uns für die einfachste Methode. Unsere Schuhe waren sowieso schon nass. Das mussten wir noch viermal wiederholen, wie zum Beispiel hier:

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Foto: Frederick

Wir kamen an ein paar Ruinen alter Höfe vorbei und genossen es nun, die Bäche zu queren, denn das Wasser war überraschenderweise wärmer als gedacht. So stapften wir dann über den Campingplatz, nicht ohne ein paar fragende Blicke zu ernten und vor dem uns vertrauten Pub schütteten wir erstmal das Wasser aus den Schuhen. Im Pub breiteten wir dann in einer ruhigeren Ecke dezent unsere nassen Sachen aus und bestellten, während wir auf den Bus warteten etwas zu Essen und ein Erfrischungsgetränk.

In Broadford versuchten wir noch einen Schlafplatz in der Herberge zu bekommen. Frederick bekam auch später einen freigewordenen Platz und ich übernachtete als zufällig eingeschlafen im Aufenthaltsraum.

Tag 8 und 9: Abreise

 

Nach dieser moralisch enthemmten Übernachtung ging die ganze Anreise rückwärts: Nachdem wir unsere Sachen im Trockenraum zusammensammelten, ging der Bus zurück nach Inverness. Von dort gleich weiter mit dem Zug nach Aberdeen. Wir stiegen aber schon am Flughafen auf, umrundeten diesen per pedes und suchten a) eine Möglichkeit, ein Bier zu erwerben (oder besser ich, da ich eine Wette verlor) und b) einen Übernachtungsplatz. (a) schlug fehl, da die Tankstellen anders als in D keine Lizenz besitzen, Alkohol zu verkaufen. (b) erübrigte sich durch (a), da wir beschlossen, den Abend in einer Hotel-Lounge bei teurerem Bier und einer britischen Comedyshow im Fernseher zu verbringen. Der britische Humor war nicht immer gleich erkennbar, ich versuchte aber trotzdem mitzulachen. Einfach aus Höflichkeit. Um etwa 2 Uhr des Folgetages gingen wir rüber zum Flughafen. Obwohl er eigentlich geschlossen haben sollte, war er zu unserer Überraschung geöffnet. Hier verbrachten wir die restlichen Stunden. Am Morgen verabschiedeten wir uns, Frederick nahm einige Maschinen später. Wir hatten einige exquisite Tage verbracht auf der Insel!

Pünktlich zum Sonnenaufgang hob meine Maschine in der Früh ab und bescherte mir einen letzten schönen Blick auf diese. In Frankfurt nahm ich mich dann selber wieder war, praktisch als Fazit der Reise: Im Flanellhemd und mit Bart, für Schottland unerwartet stark gebräunt und auch innerlich ruhiger als vor der Reise wartete ich auf den Zug. Vermutlich roch ich auch etwas nach Abenteuer. War eben alles authentisch.

Fredericks Reisebericht, quasi von der anderen Seite, findet man hier auf „outdoorseiten.net“.